Bodebuz
Hinter dem Holunderbusch
Dirk Liedtke
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Die Kleinstadt Putbus liegt mitten im Boddenreser- vat Südost-Rügen. Da die Kommune über keinen weißen Ostseestrand verfügt, kommen die Touristen nur zu Stippvisiten  vorbei. Was Putbus nach der Wende blieb, ist ihre historische Vergangenheit.  Unter der Federführung des aus dem Westen stammenden Fürstenerben Johann Gottfried versucht ein gewisses Bürgerklientel, Putbus die kunsthistorischen Merkmale des sanften Tourismus auf die Fahnen zu schreiben. 

 Doch einigen Stadtvertretern um Bürgermeister Udo Zühlke reicht das nicht. Als Touristenattraktion mit Alleinstellungsmerkmal schwebt die Idee, im Fürstlichen Park einen Japanischen Garten des Zen-Buddhismus zu etablieren, über der Stadt. Für Johann Gottfried und die ihm Gesonnenen ist das ein Affront.

Nach 15 Jahren Abwesenheit taucht der attraktive Unternehmensberater Ludwig Burwitz in seiner Heimatstadt auf. In Japan studiert und als Wegbereiter des Japanischen Garten in Berlin scheint er dafür prädestiniert, nun auch in Putbus einen solchen voranzutreiben.

Mit dem fürstenhörigen Andreas Rasmuss steht Ludwig ausgerechnet der ehemalige Schulfreund gegenüber, mit dem er sich damals entzweit hatte. Wird es Ludwig gelingen, die Putbusser Bürger von seinem Vorhaben zu überzeugen? Welche Rolle spielt der geschickt agierende erste Stadtvorsteher Helmut Ruge dabei? Auf wessen Seite stellt sich Pastor Uwe Rotermundt? Welchen Einfluss vermag der anreisende Gartenbaumeister und Zen-Priester Tashio Tadokoro auszuüben? Was hat die sich zuspitzende Serie von Brandstiftungen mit all dem zu tun? Und wie verarbeitet Ludwig es, zusätzlich gleich von drei reizvollen Frauen auf jeweils verschiedene Art und Weise bezirzt zu werden? 

In meinem Roman „Hinter dem Holunderbusch“ wird Ludwigs Seele die Zerreißprobe gestellt. Als Bonbon gibt die Geschichte durch Rückblenden über die Zeit der Gründung des 200 Jahre alten Ortes Auskunft. Den Putbusser Park als Beispiel heranziehend, möchte ich anregen, über kleinstädtische Gestaltungsfragen nachzudenken. So wagt der Themenstoff neben sachlich und sinnlich orientiertem Lesevergnügen auch eine Auseinandersetzung mit geisteskulturellen Fragen zwischen Christentum und Buddhismus.        

 


Hinter dem Holunderbusch, Taschenbuch, 381 Seiten - 6,95 Euro                       

 
Buch zwei

13. Kapitel      Japan nahe

Unablässig spie Feuer aus seinem Rücken, während er selbst unter beständigem Beben nach Osten drängte. Dann hatte er es geschafft. Der Drache hatte sich gänzlich vom Kontinent gelöst und bildete seine bizarre, an Insel und Vulkanen reiche Struktur im Ozean heraus. Freudig ergoss er noch weiter mineralreiche Lava, bildete Berge, Flüsse und Seen. Allmählich kam er zur Ruhe, um dem Leben auf sich Raum und Zeit zu geben.

So fanden die ersten Siedler, die vom Festland herüber kamen, ein fruchtbares, grünes Land. Voll Ehrfrucht erstarrten sie ob seiner reichhaltigen Schönheit und seiner es beherrschenden Kräfte. Die Wälder gaben Holz für Hütte und Schiff, die Quellen reines Wasser, das Wasser reichhaltig Fisch, die angelegten Felder ließen zwei Ernten im Jahr zu. Aber da waren im Süden die Herbsttaifune, im Norden die strengen Winter, überall konnten noch tätige Vulkane ausbrechen und Erdbeben auftreten.

Fortan galt den Menschen das Wirken in der Natur als göttliche Erscheinung. Gleichermaßen waren sie vor ihr von Dank wie von Furcht erfüllt. So huldigten die Menschen den Gottheiten der Naturkräfte. Kulte um Berge, Flüsse und Seen, um einige Pflanzen und Tiere gar setzen ein. Das noch junge japanische Volk hatte seine Religion gefunden: den Schintoismus. 

Mit der weiteren Besiedlung von China und Korea aus, verbreitete sich deren Festlandkultur auf den japanischen Inseln. Der Schintoismus verschmolz mit dem Buddhismus, welcher selbst Strömungen von Konfuzianismus und Taoismus erfuhr. Das japanische Volk hörte, dass das Paradies eine auf dem Ozean schwimmende Gruppe von Berginseln sei. Es gab keinen Zweifel, Japan selbst war dieser glückselige Archipel. Die Naturschönheiten der japanischen Landschaft als Ganzes verstärkten den Religionsbezug des Volkes. Gott und Natur waren eins. Dies fand in der Architektur von Tempeln, Wohnhäusern und Gärten Ausdruck.

Die Gärtner nutzten sämtliche natürlichen Schätze. Besonders dem Wechsel der Jahreszeiten trugen sie Rechnung. Die japanischen Gärten vermittelten den Eindruck von Vergänglichkeit, sie wurden Abbild der kosmischen Ordnung, sie wurden zu Orten des sich Versenkens in Mystik und Göttlichkeit. Sie trugen zur Suche nach neuen Wegen bei. Es begann die Suche nach Zen.

„Zen ist eine Übung, die Denken und Handeln miteinander in Einklang bringt. Der Mensch löst sich von gesellschaftlichen Zwängen und stärkt seinen Erkenntnisdrang. Er findet zu seiner Buddha-Natur, zu seinem ursprünglichen Selbst zurück.“

Lukas Meisner schüttelte missverständlich den Kopf. Was die Multimediashow soeben im Kinoraum vermitteln wollte und was Ludwig Burwitz jetzt im Japanischen Garten von sich gab, ging ihm entschieden zu weit. Die Show war mit Computereffekten überladen und der Garten dünkte ihm als ein künstliches Zusammenwerfen von Pflanzen und Steinen. Und sich dieser asiatischen Zen-Übung zu unterwerfen, fand Lukas sich schon gar nicht bereit. Auch Cindy Vetterick, Frank Steger und Helmut Ruge waren doch keine praktizierenden Buddhisten. Sie würden es genauso wenig wie er einmal werden. Und Lukas bezweifelte, dass Burwitz ein echter Buddhist war. ,Verdammt, der Macker tut vor uns schön schlau. Für ihn sind wir doch nur Landeier. Er verarscht uns hier prächtig, gibt an, wie gebildet und kultiviert er doch ist.’ Doch Lukas hörte Burwitz Ausführungen geduldig zu. Wiederholt fragte er sich, warum sie als Auszeichnung ihrer vorbildlichen Feuerwehrarbeit ausgerechnet den Japanischen Garten in Berlin besuchten. Berlin hatte für junge Leute doch weitaus besseres zu bieten. Vielleicht musste ein bisschen Kultur ja sein. Lukas freute sich auf die Disco heute Abend und die Nacht im Hotel. Das Beste überhaupt war, das er mit Cindy hier war.           

„Die Steine sind die wichtigsten Elemente japanischer Gartenarchitektur. Sie sind uralt und haben sehr vieles erfahren, an das wir uns ihrer angesichts, zu erinnern vermögen. Anerkennend begreifen wir: die Steine haben eine Seele. Ihre Seele kündet von Harmonie, Reinheit, Ehrerbietung und Stille.“  

Lukas betrachtete die Gesteinsgruppe vor sich genauer. Sie standen auf dem höchsten Punkt des Gartens. Hier entsprang eine Quelle. Die Quelle plätscherte zwischen zwei granitartigen Felsbrocken hindurch in ein Kiesbett, bildete einen klaren See und floss als Bachrinnsal zwischen Steinen den Hügel hinab. Die Felsen vor Lukas hatten Risse, Adern, Farbschattierungen. Und sie hatten ihre eigenen Formen. Ruhig und erhaben ragten sie aus dem Wasserbett, umgeben von üppigen Pflanzengrün. Klar, wenn man wollte, konnte man den Steinen eine Seele zuschreiben. Dazu mussten sich einige Denkprozesse im Kopf abspielen. Aber Lukas wusste, dass Steine irgendwelche Mineralien waren. Und totes Mineral besaß keine Seele.

„Nehmen Sie sich Zeit. Lassen Sie die Atmosphäre auf sich wirken, lassen Sie ihre Gedanken kreisen. Die Steine sind Inseln, auf die Sie sich, Geborgenheit suchend, zurückziehen. Dringen Sie ein in den Stein, dringen Sie vor zu sich selbst, gewinnen Sie Achtung vor dem Leben, lieben Sie das Leben in all seiner Vielfältigkeit.“

Lukas musste vorsichtig sein. Burwitz trachtete die Besucher tatsächlich, zum Meditieren zu bringen. ,Er will uns gefügig machen? Doch warum und wofür?’ Lukas dachte an sein Gespräch mit Andreas Rasmuss, der ihn eindringlich vor Burwitz gewarnt hatte. Andy hatte einige Erwartungen in Lukas gesetzt. Vielleicht fand Lukas auf der Berlinreise heraus, was Burwitz in Putbus eigentlich wollte.

Ludwig Burwitz schwieg einige Minuten. Nachdenklich schweifte sein Blick über die Steinanlage. Es sollte wohl so aussehen, als wenn seine Seele gerade darin versank. Die Prozedur rang Lukas ein Lächeln ab. Er wollte sich mit einer lockeren Bemerkung an Cindy wenden. Aber angesichts Cindys erfror sein Lächeln. Cindy war vollkommen in Gedanken versunken. Sie saß auf der quadratischen Steinbank, blickte mal träumerisch verloren zu dem plätschernden Wasserfall, mal träumerisch schwärmend zu Burwitz. Lukas runzelte die Stirn. Was fand Cindy nur an diesem aufgeblasenen Hahn? Sie verabscheute doch sonst jegliche Anzugsnobs.

„Der Heidepark Soltau hat mir besser gefallen“, platzte es aus Lukas heraus. „In Berlin gibt es doch auch einen Vergnügungspark. Wollen wir nicht lieber dahin gehen, Cindy?“
„Das ist doch ganz was anderes.“ Cindy wies Lukas kalt zurecht. „Mir gefällt dieser Ort der Ruhe und Besinnung.“
„Dazu brauch ich nicht hier her zu fahren. Um Ruhe zu finden, setzte ich mich an den Strand oder auf eine Parkbank.“
„Ach, du hast ja keine Ahnung.“
„Du aber, was? Und die anderen alle auch, ja? Das ist doch der reinste Blödsinn hier. Da werden irgendwelche Steine in ein künstliches Kiesbett gelegt, von Pflanzen umwuchert und von Wasser geplätschert. Dann wird behauptet, das sei die natürlichste Sache der Welt. Zu mir selbst soll ich auch noch finden. Das ist doch lächerlich.“ 

Lukas presste die Lippen zusammen und schwieg. Jetzt hatte er es ihnen aber gegeben. Er stand da und erwartete einen Schwall von Protest. Aber die anderen hielten sich bedeckt. Cindy saß mit offenem Mund und schrägem Kopf da. Ihr Blick schalt Lukas als Kulturbanause. Nun, das scherte ihn nicht sonderlich, als solcher wollte er gerade hier sehr gerne gelten. Ruge musterte Lukas mit seinem typisch amüsierten Grinsen. Steger hingegen runzelte die Stirn und blickte überaus missfällig an Lukas vorbei. Und Burwitz schien emsig zu überlegen, was er entgegnen sollte. Das erfreute und bestärkte Lukas. Er, der allzu oft als provinzialer Grünschnabel galt, hatte diesem weltklugen Japangartenfritzen ordentlich zugesetzt.   

„Der Japanische Garten ist nicht jeder Manns Sache. Wer nicht die innere Bereitschaft mitbringt, sich ihm zu öffnen, wird auch sein Wesen nicht erfassen. Das ist mit allen kulturellen Angeboten so. Wer sich ein klassisches Theaterstück oder einen anspruchsvollen Film ansieht, wird dabei nichts Tiefgehendes empfinden, wenn er sich Chips reinschiebend mit seinem Nachbarn unterhält. Ich will jetzt nicht weiter ausführen, dass diese Menschen bedeutenden inneren Erlebniswerten verlustig gehen. Es ist ein Anliegen des Japanischen Gartens, den Menschen auf diese innere Erlebniswelt aufmerksam zu machen. Er ist ein Gegenpol zu der abgeflachten materiell orientierten Welt. Auch du, Lukas, wirst, wenn du den Garten ein wenig auf dich wirken lässt, etwas Wertvolles von hier mitnehmen.“
„Schönen Dank, Herr Ludwig“, Lukas lächelte breit. „Dass du gebildeter als ich bist, brauchst du hier nicht länger beweisen. Von mir aus kannst du auch ruhig mit deinem Garten angeben. Mich aber verschone damit. Meine Erwartungen in Berlin sind andere.“
„Du solltest dankbar sein, dass du hier sein darfst“, bemerkte Steger brüsk. „Wenn du das hier nicht an dich ranzulassen vermagst, halt wenigstens die Klappe.“
„Na bravo.“ Lukas lachte auf. „Was soll ich eigentlich hier? Ich sehe ja doch nicht durch. Lass uns abhauen, Cindy.“ Er setzte sich neben Cindy, legte einen Arm um sie, wollte sie zum Aufstehen ermuntern.
„Ich bleibe hier. Geh allein, Lukas.“

Lukas hielt Cindy weiter im Arm. Es erfüllte ihn mit Stolz, dass Cindy seinen Arm nicht abstreifte. Wie ein Liebespaar saßen sie da. Und wie gern wäre Lukas mit Cindy ein richtiges Paar. Doch leider sah dies nur so aus. Immer wieder, wenn andere Leute dabei waren, ließ Cindy ihn ziemlich weit heran. Aber wenn er mit ihr allein war und mehr wollte, wies sie ihn ab. Dann beteuerte sie Freundschaft, die ihr mehr als alles andere wert sei. Gleichwohl nahm sie ihm nicht die Hoffnung, ihn nicht doch einmal zu erhören. Lukas nahm an, sie stellte ihn noch auf die Probe. Vielleicht war er ihr zu jung. Das nervte ihn gewaltig. Aber er zwang sich zur Geduld. Cindy zu besitzen, war sein übergeordnetes Ziel. Dem ordnete er alles andere unter. 

„Wenn es dir hier gefällt, bleibe ich auch“, murmelte Lukas gönnerisch. „Ewig wird das ja nicht dauern.“

„Lassen Sie sich Zeit“, sagte Burwitz wiederholt. „Wir treffen uns dann unten im Chaya.“ Er schritt den Bachlauf hinab. Steger und Ruge folgten ihm, auf Steinplatten zwischen Kieselsteinen, Büschen und Blumen wandelnd. Ruge schoss einige Fotos. Cindy und Lukas blieben sitzen. Sie ließ seinen Arm noch eine Weile auf sich ruhen. Aber als die anderen verschwunden waren, streifte sie ihn ab.      

„Dir gefällt der Garten doch nur, weil du auf Burwitz stehst.“
„Ich fand Gärten und Pflanzen schon immer toll. Jetzt bin ich froh, hier zu sein. Wann komme ich schon aus Putbus raus?“
„Ist jetzt ganz schön, wo wir allein sind.“
„Du meinst, wenn Ludwig nicht dabei ist?“
„Wenn er uns nicht hier her geschleppt hätte.“
„Das ist dein Problem. Warum magst du Ludwig nicht?“
„Warum ich ihn nicht mag? Ich frage mich, warum du diesen angeberischen feinen Pinkel magst?“
„Weil er was im Kopf hat. Er ist anders als die anderen feinen Pinkel.“
„Was ist an dem anders? Du bist verknallt in ihn, das ist es.“
„Schau nur, die exotischen Blumen, wüsste ich nur, wie sie heißen?“
„Frag Burwitz doch.“
„Er ist ein Mann, der Gärten mag, der was von Gärten und Kunst versteht. So was trifft man nicht alle Tage.“
„Sag ich doch, du hast einen Gartenkomplex, weil du in Ludwig verknallt bist.“
„Ach, warum denkt ihr Männer nur immer so?“
„Eben weil wir Männer sind. Ludwig ist kein richtiger Mann, schon gar nicht ist er einer für dich.“
Cindy lachte hell auf. „Du wärst der richtige Mann für mich?“
„Lass es mich dich beweisen.“ Lukas legte erneut den Arm um sie, wollte sie an sich drücken, wollte sie küssen.
„Nicht doch, Luki.“ Cindy drehte den Kopf weg und stand auf.
Als sie hinab schritten gestatte Cindy ihm kurz vor dem Chaya erneut, den Arm um sie zu legen. 

Lukas begnügte sich damit, vertraute und hoffte auf den Abend, auf die Nacht im Hotel. Mit vor Stolz gewölbter Brust schritt er mit Cindy im Arm auf das Chaya zu. Immerhin war er Burwitz um einiges bei Cindy voraus. Das galt es zu halten und zu nutzen. Als sie den nördlichen Teil des Chaya betraten, registrierte er aus den Augenwinkeln, dass Cindy verschmitzt lächelte. Er deutete das Lächeln positiv für sich. War er doch auf dem besten Wege, ein verdammt guter Frauenkenner zu werden.      

Das Chaya war so etwas wie ein Pavillon; aus Zedernholz errichtet mit Schatten spendendem Schilfdach und Sitzbänken zum Verweilen ausgestattet. Ruge und Steger saßen auf der Bank und blickten auf den grün umwucherten Teich, in dem sich das Bachwasser sammelte. Lukas interessierte das Fluidum nicht die Bohne. Er grinste den anderen widersinnig zu und blieb mit Cindy im Arm stehen. 

„Die Ruhe in diesem Garten ist beeindruckend, beinahe perfekt möchte ich meinen“, sagte Helmut Ruge, den Fotoapparat senkend.
„Es ist so ursprünglich. Gefällt mir besser, als ich erwartet habe.“ Frank Steger nickte versonnen.
„Irgendwie fühle ich mich dem japanischen Volk nahe“, ließ sich auch  Cindy vernehmen.
„Das erspart dir eine Reise nach Japan“, bemerkte Lukas spitz.
„Eine fremdländische, eine weise Kultur“, fuhr Cindy, Lukas Bemerkung nicht beachtend, fort.
„Wir befinden uns jetzt in der Gegenwart“, sagte Burwitz, der im Durchgang des Chaya stand. „Quelle und Wasserfall mit den Steinen oben gewähren Einblicke in die Vergangenheit. Hier unten im Teich sammelt sich das geschichtliche Wissen in der Neuzeit. Und hinter uns gewährt der Trockengarten am südlichen Chayaflügel Ausblicke in die Zukunft.“ Ludwig Burwitz schritt auf den Südteil des Flügels zu, die anderen folgten ihm. 

Wieder setzten sie sich. Von einem grünen Hang kam zwischen Felsen ein trockener Bachlauf herunter. In der Ebene breitete sich eine fein wellenartig geharkte Kieselsteinschicht aus, ein Trockenmeer. Dazwischen und an den Rändern wieder Granitfelsen, Inseln und Ufer darstellend. Dahinter wieder pflanzliches Grün, das Land.  

Hier herrschte nicht nur Ruhe, es herrschte die perfekte Stille. Der Ausblick in die Zukunft lag im Verborgenen, im Ungewissen. Die Besucher saßen auf Bänken, schwiegen bedeckt, verfielen mehr oder weniger in eine Art Meditation. 

Sogar Lukas empfand das. Das Szenario wirkte unheimlich auf ihn. Er rückte sogar einige Zentimeter von Cindy ab. Aber die Stille unterbrechen, so sehr er das wollte, wagte er, konnte er nicht.

Es war Helmut Ruge, der sich nach einiger Zeit regte, der aufstand und geeignete Perspektiven zum Fotografieren suchte und auch fand.  

Dann war es Frank Steger, der das Schweigen brach: „Hier ist der buddhistische Geist spürbar“, murmelte er leise.
„Es lohnt sich bestimmt, wenn man sich näher mit dieser Kultur beschäftigt.“ Cindy nickte vor sich hin.  
„Mir fallen zu Dutzend bessere Beschäftigungen ein.“ Lukas lachte auf. Das Schweigen war gebrochen und damit kehrte sein aufbegehrender Mut zurück. „Wo bin ich hier eigentlich? Was soll ich hier?“ Er schüttelte den Kopf. Die anderen mochte Burwitz einwickeln, mit ihm, Lukas, würde das nicht gelingen. Lukas wollte nichts als weg, mit Cindy versteht sich.
„Dann hau doch ab“, zischte Steger ihn an.
Aber Lukas rührte sich nicht. Er blieb grinsend neben Cindy sitzen.
„Und den Garten haben Japaner selbst angelegt?“, fragte Ruge.
„Ja. Die Regie führte der japanische Zen-Priester und Gartendesigner Tashio Tadokoro. Es war eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen japanischen Gärtnern, japanischen Zimmerern und uns Deutschen, denen vor allem das Organisatorische oblag. Vor allem die Auswahl der Felsen gestaltete sich als schwierig. Schließlich hatte Tashio Tadokoro aber die richtigen gefunden.“
„Wenn die Steine auch noch aus Japan kommen, wundert mich gar nichts mehr“ entfuhr es Lukas.
„Die Felsen stammen aus dem Elbsandsteingebirge.“
„Fehlt nur noch, dass ihr auch noch ne Kirche hierher tragt, dann wäre das Drama komplett“, platzte Lukas heraus.
„Halt den Schnabel, Lukas. Oder besser, hau ab und warte draußen bis wir fertig sind!“ Steger sah Lukas böse an.
Der grinste breit. „Nur weil du ein Japannarr bist, muss ich dazu noch lange nicht ja und amen sagen.“
„Das mit dem Narr ist gut, sieh besser in den Spiegel, du Würstchen.“
Lukas wollte es vermeiden, doch gerade deshalb wurde er besonders rot. Frank Steger, dieser eingebildete Pinsel, moppte ihn, hielt ihn für minderwertig. Lukas hatte es ja geahnt, aber auch dem würde er es zeigen.
„Das mit der Kirche ist gar nicht von weit her gegriffen“, bemerkte Burwitz sachlich ruhig. „In Japanischen Meditationsgärten finden wir sehr oft Tempel.“
„Eine christliche Kirche und ein Japanischer Garten würden sich also nicht widersprechen?“, fragte Ruge nach.
„Keineswegs. Wenn Sie mich fragen, ergänzen sie sich sogar.“
„Es ist die geistige Ebene, die beides miteinander verbindet?“
„Geist, Religion, natürliche Wahrhaftigkeit. Das sind Dinge, die dicht beieinander liegen.“
Ruge nickte nachdenklich. „Könnt ihr euch vorstellen, den Putbusser Schlosspark in einen Japanischen Garten umzugestalten?“
Lukas wie Cindy sahen verwirrt einher. Sie konnten mit dieser Vorstellung rein gar nichts anfangen. Auf den ersten Blick zumindest. Lukas schüttelte auch sogleich den Kopf.
„Das ist Müll, verdammter“, meinte er knapp.„Vorstellen kann ich mir das schon“, entgegnete Cindy nach einigem Grübeln. „Aber ich frage mich, was das soll?“
„So ein Garten wäre eine kulturelle Bereicherung für Putbus, ein Touristenmagnet, findest du nicht, Cindy?“, fragte Burwitz.
„Schon, wenn ich weiter drüber nachdenke. Wäre aber eine Menge Arbeit und dann ist vielleicht mächtig was los.“„Der Arsch ist dann los. So ein Japangetue hat in Putbus nichts verloren“, entfuhr es Lukas. Dann aber hielt er sich bedeckt. Er glaubte kapiert zu haben, was Burwitz in Putbus vorhatte. „Jetzt hau ich wirklich ab“, sagte er und sprang hoch. „Das wird mir zu bunt.“ Die Trittsteine missachtend stolperte er zwischen Steinen und Kies aus dem Garten hinaus. Er musste unbedingt mit Andy telefonieren.


Zen-Buddhistischer Japanischer Garten Berlin Marzahn