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   Du sollst nicht ehebrechen  

Teil 1 (C' 2011)                                        

                            

                                               
Ich schloss die Tür meines Wohnmobils und lief los. Abschalten, den Kopf klar kriegen! Wenn mir das nicht auf dem Bakenberg, hoch im Norden der Insel Rügen, gelang, wo dann? Hier wollte ich am Heiligabend vor dem vermaledeiten Weihnachtsfest davonlaufen.

 Der urige Küstenwald nahm mich gastlich auf. Die Zweige seiner Bäume sprachen berauschend auf mich ein, zauberten das erste Lächeln des Tages auf mein zuvor mürrisches Gesicht. Über Wurzeln und Pfützen hinwegsetzen, an sturmgebeugten Baumstämmen vorbeischlängeln - darin lag Befreiung! Und dicht links grüßte das rauschende Meer mit seinen Gischt aufwerfenden Wellenkämmen. Ich fing an zu singen. Fast hatte ich meine Misere vergessen.

Fast! Als sich der Wald auftat und ich auf dem Steilufer beschwerlich gegen den Nordost anlief, kamen die quälenden Gedanken zurück: Ich hatte Katja beim Herbstmarathon kennengelernt. Sie war blond, attraktiv und zwanzig Jahre jünger. Es schmeichelte mir, dass sie mich wollte. Nur eine Nacht! Dumm nur, dass meine Lauffreundin Elli es mitbekam und Susanne steckte. Darauf verließ mich meine Frau.

Ich war das erste Mal Fremd gegangen, aber Susanne kannte kein Pardon. Warum? Weil sie nicht glaubte, dass ich es nicht wieder tat? Weil das Vertrauen weg war? Weil ich die Jahre zuvor schon öfter mit anderen Frauen geflirtet hatte? Weil sie mich eh loswerden wollte? Ich musste es akzeptieren doch tat mich daran schwer. Ich wollte wieder mit Susanne zusammenkommen und alles Mögliche dafür tun. Im neuen Jahr würde wieder alles gut, vielleicht.

Am Kap Arkona streckten sich zwei Sendemasten den dunkelgrau tief hängenden Wolken entgegen. Dann thronten die beiden Leuchttürme erhaben über dem Wind umtosten Steilküstenland. Ich aber stürmte den Erdwall der ehemaligen Swantewit-Burg hinauf. Vor mir lagen die Ausgrabungsreste des slawischen Tempels. Hier wurde den alten Göttern gehuldigt, bevor die Dänen im 12. Jahrhundert die Burg eroberten und Rügen Christianisierten. Tod und Vernichtung dem Alten, Heranbrechen und Geburt eines neuen Zeitalters. Welche Probleme damals? Wie nichtig klein waren meine heute? Ich wandte mich um und trat den Rückweg an.

Der fiel mir leichter, da der Wind mich von hinten schob. Mit den Gedanken war ich jetzt mehr beim Laufen an sich. Jeden Tag einsame 20 Kilometer erkämpfen; die Wunden lecken und erstarken. Nebenbei eine solide Vorbereitung für den Frühjahrsmarathon. Mit der Dunkelheit würde ich mich in mein Wohnmobil zurückziehen, bei Tee und Stollen, bei trockenem Rotwein und dickem Buch. 

Als der Steinstrand in Sandstrand überging, nutzte ich die erste Gelegenheit, um unten direkt am Wasser zu laufen. Herrlich, die Kraft des Meeres hautnah zu erleben. Die frische Luft tief einsaugend, kostete ich das glückliche Gefühl in mir genießerisch aus. Selbst der Schneegraupel, welcher jetzt niederging, ergötzte mich.

Wie aus dem Nichts wurde ich überholt. Von einer Frau! Sie lächelte mir keck zu, ich nickte verblüfft zurück. Schon lief sie vor mir und ich staunte noch mehr. Sie lief nicht nur leichtfüßig schnell, sondern auch barfuß. Sie trug keine wettertaugliche Laufkleidung, sondern nur einen Fellumhang. Ich machte ihren zarten Körperbau aus, musterte ihre schlanken Beine, blieb an ihrem welligen Haar, welches strähnig über dem ähnlich gefärbten Hirschfell wehte, hängen.

Mein Jagdinstinkt war geweckt. Ich versuchte an ihr dranzubleiben. Umsonst, sie zog davon. Sicher stand sie bei diversen Volksläufen ganz oben auf dem Treppchen. Ich hätte jetzt eigentlich links zu meinem Wohnmobil auf dem Campingplatz abbiegen können, aber die Frau hielt mich im Bann. Wer war sie nur? Warum war sie spärlich altertümlich gekleidet? Wo lief sie hin?  

Plötzlich hielt sie an, streifte ihr Fell ab und ging ohne zu zögern ins Meer. Mich schlug es beinahe lang hin. Sie aber ging rasch hüfttief ins Wasser und warf sich kopfüber in die nächste Welle, kam prustend hoch, lächelte mir zu.

Auf der Höhe ihres Fells blieb ich stehen. Und ich war wohl Lebensmüde, denn ich zog mich aus. Verrückt, aber ich stieg ihr tatsächlich nach. Ich zauderte zitternd. Sie sah mir gespannt zu. Keine halben Sachen! Ich warf mich neben ihr ins Meer. Beinahe war es der Tod. Mein Herz raste. In meinem Kopf stach es, wie von der Tarantel gestochen. Die Kälte fraß an meiner Haut und durchblutete diese doch wunderbar. Als wäre ich Weltrekord gelaufen, jubelte ich der Frau zu.

„Herrlich, nicht?“, sagte sie zugänglich.
„Irre, wunderbar!“, rief ich und ruderte wild mit den Armen.
„Nun bekommst du diesen Winter keine Erkältung“, meinte sie.
„Na, denn“, erwiderte ich unsicher, denn die Kälte schnitt gerade Messerscharf in meine Fußsohlen.
„Komm, es reicht“, sagte sie mitleidig meine lila Lippen musternd.
Zu gern folgte ich ihr auch hinaus.

Am Ufer sah ich sie ratlos an. Mir war gar nicht so kalt, aber ich hatte nichts zum Abtrocknen und meine Laufklamotten waren nass und kalt.

„Komm“, rief sie zwinkernd und lief nackt wie sie war los.

Natürlich folgte ich ihr genauso. Warmlaufen war wirklich eine gute Idee. Zumal sie jetzt neben mir blieb.

„Du machst das wohl öfter?“, fragte ich.
„Mm.“
„Könnt ich mich mit anfreunden.“
„Glaub ich dir, du hast es drauf“, kam es ehrlich zurück.
„Ja.“ Ich war mir da nicht so sicher, mochte aber nicht widersprechen.

Verhalten musterte ich sie von Kopf bis Fuß. Sie war wirklich sehr sportlich schlank und mochte fünf Jahre jünger als ich sein. Um ihre schmalen Lippen lag beständig ein erwärmendes Lächeln. Sie kam lebenslustig natürlich herüber. Vor allem, dass sie unsere Nacktheit so selbstverständlich abtat, nahm mich für sie ein.

Wir liefen einige hundert Meter am Strand, drehten dann ohne viele Worte um, hielten bei unseren Sachen. Jetzt war auch sie unschlüssig.

„Mein Wohnmobil steht hier auf dem Platz. Ich kann uns einen Tee kochen, wenn du möchtest.“ Und da sie zögernd lächelte fügte ich hinzu: „Ich will mich nicht aufdrängen. Freuen würd ich mich.“
„Gut“, meinte sie da und ergriff ihr Fell.
Ich nickte eifrig, nahm meine Sachen auf, trabte voran.

Als erstes stellte ich den Wasserkocher an. Sie schlüpfte wie selbstverständlich in Susannes Bademantel. Auch ich dachte mir nichts dabei und stieg vor mich hin pfeifend in meinen Trainingsanzug. Ihre lockere Unbekümmertheit war auf mich übergesprungen. Dann saßen wir uns gegenüber.

„Bist du auch über die Feiertage hier?“
„Nein, ich lebe hier, am Kap Arkona.“
„Echt? Dann läufst du öfter diese herrliche Strecke?!“
„Bei jedem Wetter.“
„Und immer barfuß?“
„Natürlich.“

Ich schenkte ihr Tee nach und war wirklich beeindruckt. Sie dankte mit diesem netten Lächeln, das mir schon vertraut vorkam und knapperte an einem Stück Stollen. Mir wurde allmählich warm, was nicht nur am Tee und dem geheizten Wohnmobil lag. Ihre Nähe tat mir wohl, Susanne war weit weg, Weihnachten war nicht einsam.

Ich kochte noch eine Kanne Tee und sie wurde gesprächiger:
„Herbst und Winter sind hier oben lang, aber ich liebe die feuchte Kälte mehr als den kurzen Sommer. Dann ist es hier oben übrigens immer kälter als Insel einwärts, des steten Seewindes wegen. Ja, ich bin ein Kältemensch.“
„Aber die Wärme jetzt tut doch ganz gut?!“
„Schon, aber sie ist mir doch recht ungewohnt, da ich Tags über fasst immer draußen bin...“
„…und jeden Tag baden gehst?“
„Mm.“
„Und warum das Hirschfell?“
„Ich bin ein Naturmensch, ein kälteliebender.“

Sie verschränkte gemütlich die Arme hinter dem Kopf und lächelte wieder so herzerwärmend. Draußen wurde es dunkel. Der Graupel war in reinen Schneefall übergegangen, wahrscheinlich würde es Frost geben. Dann sprach ich aus, woran ich geraume Zeit dachte:

„Du willst doch nicht allein im Dunklen durch Schnee und Wald zurück zum Kap? Ich kann dich fahren oder von mir aus zu Fuß begleiten. Aber wenn du wie ich alleine bist, kannst du heute Nacht auch hierbleiben. Ich mache ein Glas Bockwurst und eine Flasche Rotwein auf.“ Und da sie zögernd lächelte: „Ich würde mich freuen.“

„Ich weiß nicht, so spät ist es noch nicht, lass mich nachdenken.“ Sie legte die Arme auf den Tisch, stützte sich vorneigend ab, blickte gedankenfern auf ihre Teetasse nieder.

Ich ließ sie nachdenken, stand auf, kramte in der Küche, entkorkte den Rotwein, sagte knapp: „Ich muss zur Toilette, wenn du zuerst willst?“
Sie sah kaum auf und schüttelte den Kopf.
Ich ging ins Wohnmobilbad, lauschte gebannt. Da ich nichts hörte atmete ich auf. Wenn sie jetzt nicht ging, würde sie sicher bleiben. Als ich fertig und zurück war, war ihr Platz leer. Susannes Bademantel lag sorgsam zusammengelegt auf der Bank. Dafür war das Fell weg und mit dem Fell auch sie. Ich begriff sofort, griff nach der Taschenlampe, stürzte hinaus.

Ihre Spuren im Schnee führten direkt zum Strand und dort zurück Richtung Kap. Ich rannte ihr ein paar Meter hinterher. Hielt dann an - sie war ja schneller - rief laut: „Hallo!“ und „Komm zurück, bitte!“ Ich ging rasch weiter, wedelte mit der Taschenlampe durch die schneedurchtriebene Dunkelheit, rief erneut. Umsonst.

Zurück im Wohnmobil schenkte ich mir Rotwein ein. Ich nahm das Buch, vermochte mich aber nicht zu konzentrieren. Immer wieder lauschte ich nach draußen, ob sie vielleicht nicht doch zurückkam. Aber außer dem windigen Rauschen von Bäumen und Meer klopften nur die sachte treibenden Schneeflocken an die Scheiben.

Ich aß die Bockwurst kalt, leerte die Flasche, legte mich berauscht hin. Morgen würde ich zum Kap laufen, um sie zu treffen oder zu suchen. Im Einschlafen säuselten mir ihr Lächeln, ihr Fell, ihr Körper, Susannes Bademantel wirr im Hirn. In unruhigen Träumen wechselten die illusionären Bilder von Susanne, von Katja, von der kälteliebenden Frau im Fell permanent wechselnd einander ab.                                        


Teil 2  (C' 2012)

 
Als ich am ersten Weihnachtstag erwachte, blieb ich in meinem Schlafsack eingerollt liegen. Ich lauschte dem wilden Rauschen des Meeres und haderte mit mir selbst. Was war nur mit mir los? Ich war auf den Campingplatz am Rügener Bakenberg gereist, um zu mir selbst zu finden. Um nach Weihnachten mit frischen Kräften um Susanne und unsere Ehe zu kämpfen. Doch ich war einer fremden, nur spärlich mit einem Fell bekleideten Frau nachgestiegen. Ich hätte mit ihr geschlafen, hier in meinem Wohnmobil. Allein sie zeigte Moral und entfernte sich zuvor.

Ich fühlte mich einsam, verlassen, elend. Am meisten vermisste ich Susanne, meine Frau. Doch ich hatte Susanne nicht verdient. Denn, vermisste ich wirklich Susanne? Vermisste ich nicht einfach nur eine Frau? Eine Frau, mit der ich schlief, mit der ich frühstückte und am Strand rum lief, mit der ich Weihnachten zusammen war? All das täte ich in meiner Vorstellung am liebsten mit Susanne. Aber da sie nicht da war, hätte ich das auch mit einer anderen Frau getan. Ganz klar nicht mit jeder, aber garantiert mit der Frau im Fell. 

Das einsame Weihnachten mit dem Wohnmobil auf Rügen brachte keine Befreiung. Im Gegenteil, ich steckte mittendrin in dem Schlammassel. Dabei müsste ich mich doch beruhigen, denn die Frau im Fell hatte mich verschmäht. Doch meine Gedanken kreisten genauso um sie wie um Susanne.

Ich sollte meine Zelte sofort abbrechen und in die Stadt zurückfahren. Ich müsste an Susannes Tür klopfen und um Verzeihung bitten. Weniger fürchtete ich, erneut von ihr abgewiesen zu werden. Ich fürchtete mich vor mir selbst, denn: ich hatte es nicht verdient.

Ich war ein schwacher Mann, dessen männliche Hormone sich zu schnell von einem weiblich verlockenden Wesen anstacheln ließen, der zudem Trost und Nähe suchte. Immerhin hatte ich begriffen, dass ich nicht für die Einsamkeit geschaffen war. Meine weihnachtliche Mission war noch nicht zu Ende. Ich sprang hoch, bereitete mir eine Tasse Kaffee und aß ein Stück Stollen. Dann stieg ich in meine Laufklamotten.

Es hatte über Nacht gut 30 Zentimeter Neuschnee gegeben. Jetzt lugte die Sonne fadenscheinig hinter hellgrauen Quellwolken hervor. Ich stapfte den Weg über die Düne an den Strand. Das Meer warf Gischt aufspritzende Wellen auf. Die Wassertropfen gefroren in der kalten Luft und so schlug mir der scharfe Nordost schmerzhafte Eiskörner ins Gesicht. Ich kniff die Augen zusammen und lief gegen an.

Der Wind hatte den Schnee über den Strand gefegt und einzelne Verwehungen aufgeworfen. An der Wasserlinie konnte ich relativ frei laufen. Hin und wieder setzte ich über eine Verwehung hinweg oder wich ihr Haken werfend aus. Es war eine Lust, an diesem eisig urigen Meer zu laufen. Selbst den schneidenden Wind hieß ich willkommen. Aber warum lief ich in die gleiche Richtung wie gestern? Richtig, weil die Frau im Fell in diese Richtung gelaufen war. Dabei rechnete ich nicht wirklich damit, sie erneut zu treffen. Es war viel schlimmer: ich sehnte mich nach ihr.      

Dann ging der schneefeine Sandstrand in eine steinig vereiste Geröllpiste über. An Laufen war nicht mehr zu denken. So stapfte ich hinauf in den Küstenwald, lief durch knöchel- bis knietiefen Schnee, blieb in einer meterhohen Schneeverwehung stecken. Ich lachte abenteuerlustig auf, arbeitete mich wieder frei, aber ein Schuh war steckengeblieben. Mit den Händen grub ich den Laufschuh heraus und betrachtete ihn nachdenklich. Lief nicht die Frau im Fell immer barfuß? Ich zog auch den anderen Schuh und die eh schon feuchten Socken aus, nahm das Fußzeug in die Hand und lief barfuß weiter.

Das machte noch mehr Spaß. Nur kam mir der Weg länger als gestern vor. Der dichte Wald hätte doch längst in freiere Feldlandschaft übergehen müssen? Aber egal, bis zum Kap Arkona wollte ich es heute wieder schaffen. Plötzlich ein Knacken im Unterholz. Ein Fell! Die Frau?! Nein. Ein Hirsch, ein Reh, ein ganzer Sprung Rehe stocherte auf der Suche nach Nahrung den schneebedeckten Waldboden durch. Verwundert darüber, dass sie vor mir nicht flohen, lief ich weiter. 

Und plötzlich war ich da am Kap Arkona, ohne das der Wald sich vorher aufgetan hatte, ohne dass ich zuvor die Sendemasten oder Leuchttürme erblickte. Das einzige was sich auftat, war die Burgwallruine. Der Wall war heute deutlich größer und die Ruine war viel besser erhalten als gestern. Da waren noch zwischen den Schneeverwehungen brandgeschwärzte Balken auszumachen. Und oben sahen verfallene Gebäudereste hervor. Ich blieb stehen und hätte mir am liebsten mit den Händen die Augen gerieben. Aber ich hatte ja die Laufschuhe in der Hand und so wischte ich nur mit dem Ärmel meiner Laufjacke über Stirn und Augen. Doch die Burgruine blieb.

Beunruhigt ging ich weiter und herum. Da war eine freiere Fläche, aus der im Schnee ein paar verfallene Hütten hervorstachen. Aus einer einzigen Hütte stieg Rauch durch eine Esse auf. Wie von selbst lenkten mich meine Schritte bis vor die hölzerne Hütte. Über der Eingangstür hing schief ein aus einem Baumstamm quer geschnittenes Schild. Ein Wort in slawischen Schriftzügen war darauf eingebrannt. Ich kramte meine schulischen Russischkenntnisse hervor und entzifferte das Wort: „Arcun.“ 

Ich nahm mein Paar Schuhe in eine Hand und öffnete mit der anderen Hand, welche vor Aufregung zitterte, die Tür. Warmer Küchenduft schlug mir entgegen. Unter einem offenen Herd loderte ein Feuer, aus dem Topf darüber duftete es verführerisch. Davor stand ein hölzerner Tisch mit zwei Bänken daran. Weiter hinten machte ich Schlafstätten am Boden aus. Vorn, gleich neben dem Eingang, sah mich eine Ziege mit großen verdatterten Augen an. Ein paar Hühner flatterten auf dem strohgesäumten Boden um ihre Füße herum. Nach einem kurzen Rundblick blieben meine Augen auf der zierlich schlanken Gestalt, die mit einem Suppenlöffel im Topf am Herd herumrührte, haften. Jetzt drehte sie sich herum.

„Einen Gänsebraten kann ich dir nicht anbieten, aber vielleicht schmeckt dir mein Suppenhuhn“, sagte die Frau im Fell und lächelte mich an.
Ich nickte nur und starrte sie, ähnlich verdattert wie die Ziege dreinblickte, an.
„Komm rein und schließ die Tür. Das Feuer geht sonst aus.“
In der Tat fauchte der Wind nur so an meinem Rücken vorbei in die Hütte. Die Herdflamme krümmte sich niedrig zusammen. Ich trat einen Schritt vor und schloss die Tür.
Sie legte ein paar Holzscheite nach und das Feuer glomm bald wieder hoch.
„So setz dich doch. Warte“, sagte sie dann, als ich nur unschlüssig einen einzigen weiteren Schritt näher trat. Sie entschwand nach hinten, kam mit einem Packen Kleider zurück und bedeutete mir, mich umzukleiden.
Wirklich fühlte ich mich in meinen feuchten Laufklamotten nicht wohl. Und während sie die Suppe würzte, abschmeckte und rührte, zog ich mich im hinteren Wohnabschnitt der Hütte um. Die flachsleinene lange Hose, das ebensolche hellgraue Hemd sowie die Hirschfelljacke passten mir wie angegossen. Zögerlich stieg ich auch in die Wildlederschuhe, da mir die Füße nun doch empfindlich kalt geworden waren.

Die Frau im Fell war natürlich barfuß. Aber ein Fell trug auch sie jetzt in der warmen Hütte nicht. Sie steckte in einem beigefarbenen knielangen Hauskleid, welches aus einem mir unbekannten Stoff gefertigt war und ihr vortrefflich stand.
Unbeholfen trat ich heran.
„Ein wenig dauert es noch. Schenk uns doch ein.“ Sie deutete auf eine Anrichte neben dem Herd, wo ich tönerne Krüge und Becher fand. Aus einem Krug duftete es nach Wein. Ich schenkte daraus ein.
„Bitte“, sagte ich und reichte ihr einen Becher.
„Auf Weihnachten, oder wie sagt man bei euch?“, fragte jetzt sie ein wenig unsicher.
„Frohe Weihnachten“, sagte ich und stieß mit ihr an. Es war ein scharf würziger Wein, der mich entfernt an Met erinnerte.
„Du lebst hier allein?“, fragte ich nun etwas aufgelockert.
„Allein und verflucht“, antwortete sie nachdenklich, aber nicht traurig.
„Ah ja klar, verflucht.“
„Ja, verflucht, wie du es vielleicht auch bald sein wirst. Wenn du es nicht schon bist.“
„Das glaube ich dir aufs Wort.“ Ich starrte in den Becher, nahm rasch noch einen Schluck.
„Ich habe meinen Mann betrogen und bin mit unserem Kind zu dem anderen gegangen. Auch von ihm bekam ich ein Kind. Doch er ist Soldat und zog in den Krieg und auf Eroberung. Er eroberte auch andere Frauen. Ich fühlte mich unter den Menschen sehr einsam. Meine einer Sohn lebt in einem Kloster und soll Priester werden. Der andere wird in der Armee ausgebildet. Und da ging ich zurück, wo ich herkam. Aber hier lebt niemand mehr und ich bin wahrhaft einsam und verflucht.“
„Du bist verflucht, weil du fremdgegangen bist?“
Sie nickte mich eine Spur traurig, eine Spur mitleidig an.
„Wie das?“, fragte ich nach.
„So, das Essen ist fertig“, sagte sie ohne mir zu antworten und deckte den Tisch.
Ich nahm es so hin. Das Weihnachtsmenü mundete mir. Es gab das zart gekochte Suppenhuhn in der kräutergespickten Brühe. Dazu reichte sie ein süßliches Brot, das mich an Fladenbrot vom Griechen oder Türken erinnerte. Nach dem Essen bereitete sie Tee. So saßen wir uns weiter auf den Bänken am Tisch gegenüber.
„Also wir sind beide verflucht, weil wir fremdgegangen sind?“
„Ich bin verflucht, alle Jahre wieder in eine zukünftige Zeit zu laufen. Ich treffe da auf mir fremde in der Zukunft lebende Männer. Jedem, ich weiß nicht warum, verdrehe ich irgendwie den Kopf. Doch ich kann und will mich auf nichts einlassen. Denn ich lebe nicht in ihrer Zeit und sie nicht in meiner. Bisher hat es aber noch keiner der Männer geschafft, in meine Zeit zurückzudrängen. Du bist der erste.“
„Nun.“ Ich räusperte mich. „In welcher Zeit bin ich denn gelandet.“
„Im 12. Jahrhundert nach Christi Geburt. Hier stand der Swantwitt-Tempel, ein heidnischer Götze, wie sie sagen. Vor 20 Jahren wurde er von den Dänen erobert und zerstört.“
„Alles recht und klar, auch ich bin verflucht. Und es hat sicher etwas zu bedeuten. Für dich und für mich.“
„So?“, fragte sie erschrocken und zog ihre schmalen Augenbrauen hoch. „Ich bin da nicht so sicher.“
„Also, ich glaube ja noch, dass ich das alles träume“, brachte ich vor. „Ich träume auch gern weiter, weiß aber, dass ich irgendwann aufwache und wieder in meiner Welt bin.“
„Wir träumen nicht“, sagte sie und kniff mich in den Arm.
Ich spürte deutlich den Schmerz und wachte nicht auf.
„Du hast mir den Kopf verdreht und ich bin dir nachgelaufen. Ich habe dich gefunden. Wir sind für ein einander bestimmt.“
„Wie soll das gehen? Wir leben in verschiedenen Zeiten.“
„Vielleicht kehre ich ja nicht zurück.“
„Wie das? Wie soll das gehen?“, fragte sie und schüttelte wirr den Kopf, das ihr langes Haar aufwehte.
„Wäre doch möglich?“, fragte ich zurück. „Aber lieber wäre es mir, du kommst mit mir und bleibst in meiner Welt.“
„Liebst du mich bis über den Tod hinaus?“, fragte sie plötzlich ernst.
Ich erschrak, zuckte zusammen, antwortet dann: „Das kann ich nicht sagen. Ich kenne dich kaum. Außerdem bin ich verheiratet.“
„Liebst du deine Frau?“
„Ich glaube, ja.“
„Und ich habe nie aufgehört, meinen ersten Mann zu lieben“, entgegnete sie mit Tränen in den Augen. „Nur wurde mir das zu spät bewusst. Aber in meiner Zeit gibt es kein zurück. Als Frau habe ich keine Rechte. Ich weiß, dass das einmal anders sein wird. Nur für mich trifft das nicht mehr zu. Denn ich bin dann längst tot.“
„Vielleicht gibt es Hoffnung für dich und für mich“, rief ich beflissentlich aus. „Komm, laufen wir los und zurück. Zurück in meine Welt.“
„Nein.“ Sie schüttelte ruhig ihr Haupt. „Ich kann nur einmal im Jahr in die Zukunft laufen.“
„Versuchen wir es!“
„Ich fühle, dass ich nicht bereit bin. Heute nicht. Lauf allein und lass mich hier.“
„Ich geh nicht ohne dich“, rief ich trotzig aus.
„Ich bin ein einsamer Naturmensch und liebe die Kälte.“
„Du verstößt dich selbst. Doch ich bin gekommen, dir zu helfen, dich zu erlösen gar.“
„Ich glaube nicht an Märchen.“
„Weil du nicht mehr hoffst. Du stellst dich hier der kalten wie einsamen Natur und nimmst sie als dein Schicksal an. Aber der Mensch muss gegen die Widrigkeiten ankämpfen. Das ist seine Bestimmung. Das bringt ihn nach vorn.“ Es erstaunte mich selbst, mich so reden zu hören. Ich wusste nicht, wohin das alles führen würde, aber ich war felsenfest entschlossen.
„Du bist sicher ein ganz Lieber, aber es hat keinen Sinn.“
„Woher willst du das wissen, wenn du es nicht probierst?“
„Ich bin müde. Schau, es wird dunkel draußen. Du musst jetzt gehen, sonst findest du nicht mehr zurück.“
In der Tat war es spät geworden. Ich dachte nach, sagte dann: „Ich mache jetzt nicht wie du den Fehler und laufe immer wieder weg.“
Sie stöhnte auf und dachte ihrerseits nach. „Du kannst gern bleiben. Doch bedenke es gut. Kann ja sein, dass du dann nie mehr in deine Zeit zurücklaufen kannst.“
„Das ist mir bewusst“, entgegnete ich und presste die Lippen zusammen.
Sie registrierte das mit prüfendem Blick. Endlich lächelte sie so herzensgut erwärmend, dass uns das beide zuversichtlich stimmte.   



Teil 3 (C' 2013)

Ein felldurchwühltes Lager. Hitze geschwängerte Luft. Im Kamin lodern Flammen, unablässig. Obwohl niemand Holz nachlegt. Am ganzen Körper klebt der Schweiß. Im Kopf wildes Rauschen, angefacht vom Hämmern des Pulsschlags. Das Atmen fällt schwer.  

Ich japse nach Luft und greife nach der Frau neben mir. Sie lächelt im Halbschlaf und rekelt sich zwischen den Fellen. Ist es, da sie so zart und geschmeidig, ist es, da meine Hände zittern? Ich kann sie nicht greifen und versuche es doch immer wieder.  

Dann wälze ich mich hin und her, bleibe auf dem Rücken liegen, starre an die Decke. Schilf und Balken drehen sich, das Dach und der ganze Raum drehen sich um mich. Mir wird schwindelig und ich schließe die Augen. Jetzt rase ich um mich selbst im Kreis. Ich reiße die Augen wieder auf und sehe Susanne. Durch die Esse des Kamins sieht sie mir zu. Ihr Blick prüft mich, ihre Stirn ist kraus.  

„Nein“, schrie ich und setzte hinzu: „Es ist nicht, wie du denkst.“
„Du hast wirr geträumt“, sagte die Frau im Fell neben mir. Sie hatte ihren Kopf auf die Hand des mit dem Ellenbogen abgestützten Armes gelegt und sah mich von der Seite an.  
„Hab ich?“, entgegnete ich benommen.
„Komm“, rief sie und sprang auf. „Machen wir uns frisch.“
„Oh nein.“ Ich sackte in die Felle zurück. „Jetzt ins Meer springen? Das bringe ich nicht.“
„Du musst nicht ins Meer“, sagte sie und lachte auf. „Komm mit, na los.“
Sie stand ohne jegliche Scham nackt da, legte den Kopf schief zur Seite und sah mich mit ihren großen leuchtenden Augen an. Wie konnte ich anders? Ich stand auf und folgte ihr in die Kälte hinaus, nackt!  
Draußen dämmerte der Morgen. Der Himmel war blaugrau und klar, die Sonne schickte ihre ersten schwachen Strahlen über die Ostsee. Es war eine frostige Nacht, es war noch immer frostig, es war bitterkalt. Da half nur eins: Bewegung. Und sie fing sogleich damit an. Sie sprintete durch den kniehohen Schnee. Natürlich folgte ich ihr auf dem Fuß und klar konnte ich nicht den Anschluss halten. Doch der Lauf war nur knappe 200 Meter lang und endete am Schutzwall der Swantewit-Burg.  Hier breite sie die Arme aus, warf sich auf den Hang und wälzte sich durch den Schnee. Dazu kreischte und lachte sie vergnügt wie ein Mädchen.  

Ich tat es ihr nach, warf mich in den Schnee, wälzte mich schon der Kälte wegen ruckartig schnell hin und her, juchzte und prustete vergnügt wie ein Junge.  

Dabei sah der eine dem anderen zu. Ich dachte kurz darüber nach und glaubte, dass etwas wie Freundschaft oder Seelenverwandtschaft zwischen uns gewachsen war. Klar reizte sie mich auch noch als Frau, aber nur am Rande und schon gar nicht jetzt beim morgendlichen Kältespiel im Schnee. Mir war, als wasche ich meine körperliche Sehnsucht nach ihr im Schnee ab, ja, ich reinigte mich von ihr.  

Plötzlich kreischte sie angsterfüllt auf, kauerte sich in den Schnee, starrte den Wall hinauf. Mir blieb die Kinnlade unten stehen, denn auf dem Wall thronte ein Reiter in zwar ruhiger aber vor Kraft strotzender Pose. Der Rappe schnaufte neblige Schwaden aus den Nüstern, warf den Kopf in Zurückhaltung hoch, scharrte mit dem Huf im Schnee. Der Reiter hielt sein Pferd im Zaum, ein Schwert hing an seiner Seite, sein eisiger Blick ging zu uns hinab.  

„Toske!“, rief die Frau und kauerte sich weiter zusammen.
„Ich bin gekommen, um nach dir zu sehen.“
„Nach all den Jahren…?“
„Ich hörte, du lebst getrennt von deinem zweiten Mann, dem Dänen.“
„Zwei Jahre habe ich ihn nicht gesehen…“
„Und ich sehe, du hast wieder einen Mann. Nun, …“
„Es ist nicht, wie du denkst“, rief sie und ihre Stimme brach mit einem tiefen Aufseufzen im Schnee.
Der Reiter lockerte die Zügel, der Rappe schnaufte und stapfte den Wall hinab, auf uns zu.
„Nun, ich denke, was ich sehe. Ich hätte mich damals mit dem Dänen um dich schlagen wollen und habe es nicht getan. Ich habe versucht, dich zu vergessen und habe es nicht geschafft. Und jetzt? Es ist wie damals. Ich kam voller Hoffnung und finde dich mit einem anderen, nackt und vereint.“
„Nackt aber nicht vereint!“, rief die Frau und streckte im Schwur die Arme zu ihm aus.
„Ich möchte ihn niederstrecken“, rief Toske, der Reiter. Er zog neben mir die Zügel straff, legte die Hand an den Knauf des Schwertes, das in einer fellbezogenen Scheide steckte, noch.
Ich sah zu ihm auf, erstarrte vor und in Kälte, zitterte wie Espenlaub im Wind.
Er sah mich an, prüfte mich, überlegte ob seines Tun. Dann, er hatte das Schwert halb heraus, sprach wieder sie:
„Er hat mich nicht berührt. Wir haben uns nicht berührt, denn wir sind anderen bestimmt. Auch ich habe dich nie vergessen, Toske. Du warst mein erster Mann, hier vor Swantewit. Damals bestimmte der Krieg unser Schicksal und mich einem anderen. Im Herzen jedoch war ich immer dein und bin es noch, hier vor Swantewit.“
„Swantewit ist gestürzt, der neue Gott bestimmt unser Schicksal“, entgegnete Toske und umklammerte fest den Knauf, zog daran.
„Und gebietet der neue Gott nicht Barmherzigkeit und Vergebung?  Dem Fremden hier brauchst du nicht vergeben, denn er hat an mir nichts getan. Mir vergib und ich will vor Gott auf immer mit dir sein.“
Toske löste den eisernen Blick von mir und blickte zu der Frau, die noch immer im Schnee hockte, die mit ihren großen feuchten Augen zu ihm auf sah.  

Ich bewunderte und bemitleidete diese Frau und verdrängte darüber meine Todesangst. Und ich hörte die Klinge zurück in die Scheide schlupfen, sah Toske von dem Rappen gleiten, sah zu, wie er zu ihr ging, ihr aufhalf und sie in fester Umarmung an sich drückte.  

Sie schluchzte und weinte und war wohl am Ziel ihrer Wünsche. Denn Arm in Arm gingen sie zu ihrer Hütte und ich blieb allein zurück. Geraume Weile stand ich da, kalt und nackt, doch ich fror nicht mehr.  

War es, das ich dem Tod entronnen, war es pure Zuversicht? Frei von Angst und Kälte fühlte ich mich rein und stark. Und ich dankte Swantewit und Gott dafür, dass sie mich nicht die Frau im Fell berühren ließen. So strebte denn auch ich zu der Hütte hin und fand ihn am Tisch bei einem Becher Tee und sie beim packen ihrer Sachen.  

„Danke, dass du mich erlöst hast“, sagte sie zu mir und strahlte vor Glück. „Du hast zu mir gefunden, aber wir haben uns nicht berührt. Ich bin rein und bekomme meinen Mann zurück.“
„Ja, du bist rein. Und wir sind Freunde“, sagte ich gerührt.
„Das sind wir“, rief sie aus, ließ alles stehen und liegen, fiel mir in die Arme. Ich drückte sie fest an mich und sah über ihre Schulter zu Toske hin.
Der nickte und lächelte uns zu.
„Ich werde mit Toske ins Inselinnere gehen“, sagte sie und schob sich wieder von mir. „Und du?“, fragte sie.
Ich stand nackt da und zuckte mit den Schultern. „Wenn es gelingt kehre ich in meine Welt 825 Jahre später und zu meiner Frau zurück. Die zweite Hürde ist vielleicht höher als die erste. Wenn die erste schon nicht gelingt, habe ich keine Ahnung, was mit mir wird.“
„Nur Mut“, sagte sie. „Wenn es dieses Jahr nichts wird, dann vielleicht im nächsten.“
„Im nächsten oder erst im übernächsten…?“
„Ich habe zwanzig Jahre gewartet“, sprach sie im Trost. „Meine Hütte, sie wird ja frei.“
„Viel Glück, Fremder“, sagte Toske.
„Euch auch.“ Ich zog mir meine Laufsachen an und wir traten gemeinsam vor die Tür. Sie zogen, die Hühner in Körben und die Ziege im Schlepptau südwärts.
„Alles Gute.“ Ich winkte ihnen nach.
„Wir sehen im Frühjahr vorbei“, rief Toske.
„Leb wohl“, rief die Frau im Fell.  

Ich wandte mich nach Westen und lief zurück dorthin, wo ich nicht nur den Bakenberg, sondern auch mein Wohnmobil anzutreffen hoffte.     

Der Wald war dicht und tief verschneit. Durch den kniehohen Schnee kam ich auf dem kaum auszumachenden Pfad nur mühsam voran. Ich musste mich immer parallel zur Ostsee halten, um anzulangen irgendwann. Nur in welchem Wann war ich, in welchem Wann würde ich anlangen? 1188 oder 2013 oder in einem noch ganz anderem Jahr?   Obwohl bestes Winterwetter herrschte mit Sonne pur, leichtem Frost und nur mäßigem Wind, begegnete ich keinem Spaziergänger, sah ich kein Schiff am weit einsehbaren Meereshorizont. 

Doch ich lief und lief. Das schmerzhafte Ziehen in Waden und Oberschenkel spürte ich schon bald nicht mehr. Da knackte es im Unterholz. Wie gestern traf ich auf ein Sprung Rehwild. Doch heute nahmen sie, allen voran ein stattlicher weißer Hirsch mit hohem Geweih, vor mir reiß aus. Ich sah ihnen nach und lief weiter.  

Eine gute Stunde war ich unterwegs, da lichtete sich plötzlich der Wald. Dicht vor Strand und Düne breitete sich langgezogen eine schneebedeckte Fläche mit einzelnem Baumbewuchs aus. Auch hier kein Mensch und keine Spuren im Schnee.  

Doch dann, mir sackten die Knie weg, sah ich einsam ein Wohnmobil, mein Wohnmobil! Die erst Hürde war geschafft. Erleichtert aber nervlich total erledigt schleppte ich mich die letzten Meter heran. Ich kramte den Schlüssel aus der Tasche, öffnete mit zitternder Hand die Tür und stieg ein.  

Da saß sie am Tisch und sah mich mit froh leuchtenden Augen an.
„Susanne!“
„Ich hab es nicht ausgehalten, Weihnachten ohne dich in der Stadt und mit meiner Familie. Wenn du die zweite Chance noch willst, ich gebe sie dir.“
„Und ob ich will.“ Ich war heran und sie stand auf und wir fielen uns in die Arme.
„Na, nun dusch dich mal, du riechst nicht gerade angenehm“, sagte sie und schob mich fort.      

Ich sprang unter die Dusche und Susanne wusch Geschirr ab und kochte Tee.
„Du hattest Besuch?“, fragte sie als wir bei Tee und Stollen saßen.
„Ja, von einer Frau im Fell, die ich Heilig Abend kennengelernt habe.“
„Einer Frau im Fell, soso…“
„Nicht, was du denkst. Sie hat mir noch mal richtig die Augen geöffnet. Ich will mit dir zusammen sein, Susanne. Nur mit dir, für immer.“
„Weißt du, was ich am meisten vermisst habe?“
„Nein.“
„Die Spaziergänge mit dir.“
„Na dann los.“  

Wir gingen untergehakt am winterlichen Ostseestrand und ließen uns die Sonne ins Gesicht scheinen. Es war herrlich. Leise plätscherten die kleinen Wellen ans Ufer. Und die Luft war frisch und salzig. Die Aussicht und das Meer und der Strand waren unendlich weit. Und es war zweisam einsam. Ich fühlte mich unbeschwert und frei, mit meiner Susanne an der Seite.    

Doch dann tauchten vor uns am Strand zwei Läufer auf. Wir gingen weiter und schwiegen und rasch kamen sie näher. Es waren ein Mann und eine Frau in moderner Outdoor-Kluft. Ich blinzelte gegen die Sonne und erkannte sie erst unmittelbar auf unserer Höhe.  

„Frohes Fest“, riefen die Frau im Fell und Toske und sie eilten vorüber.
„Frohe Weihnachten“, entgegneten wir und gingen weiter unseren Weg.
„Na, was ist, juckt es dir nicht in den Füßen?“, fragte Susanne.
„Nein, nicht die Bohne. Ich bin Weihnachten mehr als genug gelaufen, war in der Ostsee baden, hab mich gewaschen im Schnee…“
„Na, es wird Zeit, dass ich da bin und auf dich aufpasse.“
„Ja, höchste Zeit.“  

Ende